Interview (2008) "E-Learning"
Du bietest für das DGB Bildungswerk Bayern und die Betriebsräte recht ungewöhnliche Seminare an. Warum ist für einen Betriebsrat das Thema E-Learning wichtig?
Betriebsräte haben ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, wenn es in einem Unternehmen um die Weiterbildung und Qualifizierung der Kolleginnen und Kollegen geht. Das ist ihr gutes Recht und im Betriebsverfassungsgesetz festgeschrieben. Neben der Mitsprachen bei den Inhalten müssen die Betriebsräte die Lernsituation insgesamt gestalten und dafür mit Sorge tragen, dass die Lernchancen für alle im Betrieb gleichermaßen vorhanden sind. Nun ist es so, dass in den letzten Jahren verstärkt E-Learning als Lernmethode in der betrieblichen Bildung eingesetzt wird.
Durch die Besonderheiten hinsichtlich Lernzeit, Lernort und Lernmedium kommen dadurch nicht nur neue Anforderungen auf die Lernenden zu. Auch für die Betriebsräte ist diese Lernform ungewohnt - und sie müssen Stellung beziehen. Ist dieses Lernszenario gut für die Kolleginnen und Kollegen? Ist es geeignet, die gewünschten Inhalte zu vermitteln? Bei der Einführung von E-Learning sollten in einer Betriebsvereinbarung die Rahmenbedingungen geregelt werden. Dazu gehören z.B. klare Regelungen darüber, wo und wann gelernt werden soll. Auch hinsichtlich des Datenschutzes gibt es Regelungsbedarf. Diese kurze Aufzählung macht schon deutlich, dass es sich hier nicht um "dünne Bretter" handelt.
Eine Einschätzung dieser neuen Lernform braucht kompetente Betriebsräte, denen nichts vorgemacht werden kann. Und sie sollten wissen, welche Chancen diese Art zu Lernen haben.
Und genau darum geht es in den Seminaren über E-Learning. Die Betriebsräte lernen dieses Instrument der betrieblichen Bildung intensiv kennen. Sie bekommen Kriterien an die Hand, die ihnen dabei helfen, möglicherweise neue Lernwege für ihre Kolleginnen und Kollegen mitzugestalten.
Kannst du ein paar begriffliche Klärungen anbringen? Was heißt eigentlich E-Learning?
Die Gelehrten streiten sich bekanntlich gerne - so auch um eine endgültige Begriffsbestimmung E-Learning. Und irgendwie ist es ja auch kompliziert, die Vielfalt des E-Learning auf einen Nenner zu bringen:
Für die Einen ist es schon E-Learning, wenn ein Studienbrief über Mail verschickt wird, der dann ausgedruckt in der Badewanne gelesen werden kann. Andere sind sicher, dass mindestens ein computergestütztes Lernprogramm zum E-Learning gehört. E-Learning in besonders anspruchsvoller Form ist die internetgestützte Lernumgebung mit Tutor. Die Möglichkeiten der Internettechnologien bieten neue Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten, die ebenso in einen curricularen Zusammenhang gestellt werden können. Über Video erreichen E-Tutoren ein Dutzend auf der ganzen Welt verteilte Lernende gleichzeitig.
Vielleicht gibt es folgenden gemeinsamen Nenner: E-Learning ist Lernen, das durch den Einsatz von Computer unterstützt wird.
Mittlerweile hat sich die Einschätzung durchgesetzt, dass es Sinn macht, Mischformen aus computerunterstütztem Lernen und klassischen Seminarphasen durchzuführen. Für diesen Methodenmix gibt es wieder einen neuen Begriff: Blended Learning.
Welche Erfahrungen hast du selbst mit dem Lernen per Computer und Internet? Gibt es eine Art "Schnupperkurs" im Internet oder auf deiner Internetsite?
Einen Schnupperkurs, den ich als Tutor begleite, biete ich nicht an. Und meine Internetsite ist zur Zeit noch eine Baustelle.
Zu meinen Erfahrungen:
Sowohl als Tutor als auch als Lernender habe ich mit E-Learning zu tun gehabt.
Es ist wichtig, am eigenen Leib erfahren zu haben, wie das Lernen via Internet, mit Lernprogrammen, im virtuellen Klassenzimmer oder mit Lernplattformen geht. Wie fühlt man sich dabei? Was ist mit der Motivation?
Ich habe eine Ausbildung zum "Experten für neue Lerntechnologien" an der Teleakademie in Furtwangen gemacht. Hier wurden Wochenendseminare und internetgestütztes Lernen in einem Seminarkonzept zusammengeführt. Das war spannend. Denn ich habe schnell gemerkt, das überall Grenzen sind, an die man stoßen kann. Inhaltlich gab es natürlich viel zu lernen. Aber genau so wichtig war die Erfahrung, dass die Motivation einen Strich durch die Rechnung machen kann.
Das war dann manchmal die Entscheidung zwischen "Tagesthemen gucken" oder vielleicht doch noch schnell etwas Wichtiges ins Forum posten. Es gilt den inneren Schweinehund zu überwinden, wenn man sich auf den Weg zum Seminarraum im Internet macht. Da wird auch ganz schnell deutlich, dass "Selbstlernen" nicht "Alleinsein" bedeuten darf. Tutoren müssen das selbstregulierte Lernen unterstützen und die Lernenden betreuen - und auch motivieren.
Diese Schwierigkeiten habe ich als Tutor in Online-Kursen auch bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen feststellen können.
Über die Schwierigkeiten dürfen aber die positiven Aspekte nicht übersehen werden.
Für viele ist es z.B. ungeheuer hilfreich, das Lernen in ihren Tagesablauf integrieren zu können.
Und natürlich ist es ein Abenteuer, in einem Seminar über "Globalisierung" sich mit Betriebsräten aus aller Welt austauschen zu können. Diese Möglichkeiten faszinieren und bereichern das Lernen.
Es gibt viele Beispiele für themenorientierte, nationale- und transnationale Kooperationen. Ein riesiges Feld für Betriebsräte, die die Vernetzung zur Stärkung der Arbeitnehmerposition als wesentlichen Bestandteil ihrer Aufgabe sehen.
E-Learning wird in vielen Unternehmen heute schon sinnvoll eingesetzt.
Warum läuft das für Betriebsräteseminare noch nicht in gleichem Umfang?
Tja, warum hakt es bei der Akzeptanz? Ich bin nicht der Meinung, dass es sich dabei exklusiv um ein Betriebsräteproblem handelt. Die Akzeptanz von E-Learning ist immer und überall ein Knackpunkt. Es ist immer noch ungewohnt und fremd, nicht in einem Seminarraum mit einem Dozenten zu lernen, sondern in einer Lernumgebung, in der ich als Lerner selbst das Tempo gestalte und Inhalte auswähle. Wie gesagt: Das ist immer und überall eine Fragestellung.
Bei den Betriebsräte kommt vielleicht noch die ausgeprägte Diskussionskultur hinzu. Seminare sind für Betriebsräte ja nicht nur zum Lernen da. Hier wird diskutiert. Hier werden Bekanntschaften geschlossen und Erfahrungen ausgetauscht. Das ist natürlich viel einfacher, direkter und sinnlicher, wenn man sich gegenübersteht.
Welche Gefahren siehst du beim Lernen über dieses neue Medium? Worauf sollten Betriebsräte besonders achten?
Das Medium birgt eigentlich keine Gefahr in sich. Es kommt darauf an, wo und wie E-Learning eingesetzt wird. Nicht für jeden Lerninhalt ist der Einsatz von computerunterstützten Lernumgebungen geeignet. Oft aber kann ein Mix mit Präsenzseminaren der goldene Weg sein. Ein Beispiel: "Gesprächsführung für Einsteiger". Darüber, wie man ein Gespräch führt, gibt es Lernprogramme und noch mehr Literatur. Wenn du das gelesen hat, weißt du einiges über das Thema und hast sicherlich viele Ideen, wie du dein Wissen anwenden könntest - es bedeutet aber nicht, dass du ein Gespräch tatsächlich gut führen kannst. Dazu gehören die Erfahrungen in Rollenspielen und in Übungsphasen. Du brauchst jemanden, der dir in einem geschützten Rahmen sagt, wie du dich besser verhältst.
Und hier macht der Mix den meisten Sinn. Im Seminar braucht man weniger Zeit für die Vermittlung von Faktenwissen, wenn im Vorfeld Literatur und Lernprogramme bearbeitet wurden. Im Präsenzseminar kann man sich auf die persönlichen und wichtigen Fragen konzentrieren.
Noch einmal: das Medium ist nicht die Gefahr. Das Szenario, in dem es eingesetzt wird, kann problematisch sein. Betriebsräte sollten darauf achten, dass Methode, Lerninhalte und Lernziele zusammenpassen und auf die Zielgruppe zugeschnitten sind.
Welche Empfehlung gibst du neugewählten Betriebsratsgremien bezüglich des Umgangs mit dem Thema?
Meine Empfehlung: Offen sein für E-Learning, E-Learning ausprobieren, nicht abwehren. Mit den Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen.
Außerdem sollten in Betriebsvereinbarungen die Rahmenbedingungen für die Integration von E-Learning genau geklärt werden.
Wenn man keine Erfahrung mit E-Learning hat, sollte man sich nicht scheuen, Kolleginnen und Kollegen aus der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit anzusprechen. Sie haben sicherlich Ideen, wie am besten mit der konkreten Fragestellung vor Ort umgegangen werden sollte.
Und dein ganz persönlicher Tipp: Wird der Computer die klassischen Seminarangebote ersetzen?
Nein, auf keinen Fall. Es wird darauf hinauslaufen, dass sich die klassischen Seminarangebote und computerunterstütztes Lernen ergänzen.
Lieber Martin, wir danken dir für das Gespräch.
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